Biografie

Ivar Lissner (1909-1967) studierte Sprachen, Geschichte, Völkerkunde und Rechtswissenschaften in Berlin, Göttingen, Erlangen, Lyon und an der Sorbonne in Paris. Ausgedehnte Reisen führten ihn in die entlegensten Winkel der Welt. Er war ständiger Mitarbeiter von Paris Match und von 1949-1956 Chefredakteur der Zeitschrift Kristall.

Seine Bücher erschienen unter anderem in England, USA, Kanada, Australien, Frankreich, Italien, Spanien, Israel, Argentinien, Brasilien, Türkei und Süd-Korea.


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Kurzbiografie Ivar Lissner für die Jahre 1933–1945

Die nachfolgende Darstellung basiert auf umfangreichen Recherchen in internationalen Archiven, Aussagen von Zeitzeugen und Dokumenten aus dem Nachlass Lissner.

Der März 1933 hatte alles verändert. Mit der „Machtergreifung“ Hitlers war die jüdische Familie Lissner, wie zuvor in Russland, ins Fadenkreuz geraten. Ivar und sein Bruder Percy starteten die Flucht nach vorn. Zum 1. April 1933 wurden beide Mitglied der NSDAP. Nur ein Jahr später dichtete sich Ivar Lissner eine Parteimitgliedschaft seit Anfang 1932 an und behauptete, Ende 1932 Mitglied der SS geworden zu sein. Eine Lüge, die zunächst nicht auffallen sollte und mögliche Zweifel an der arischen Herkunft zerstreute. Ein 1935 erschienenes Buch Ivar Lissners „Blick nach draußen“ blieb kommerziell zwar erfolglos, erreichte jedoch das gewünschte Ziel – die Perfektionierung der regimetreuen Fassade. Mit seinem Buch gelingt es Ivar Lissner, sich als Botschafter deutscher „Werte“ im Ausland zu gerieren. 1936 beschafft Ivars und Percys Vater, Kommerzienrat Robert Lissner, ein gefälschtes Pastoralattestat aus Riga, das alle Familienangehörigen als Arier ausweist. Hierdurch scheint sich die Lage zunächst entspannt zu haben. Ivar Lissner geht auf Weltreise, besucht die USA, Kanada, den Nahen und den Fernen Osten. Sein zweites und drittes Buch – erschienen 1936 und 1937 – werden kommerziell erfolgreich. Im Gegensatz zum Erstwerk weisen sie einen deutlich anderen Stil auf. Sie haben den Charakter von Reiseberichten und verzichten für die Zeit ungewöhnlich, weitgehend auf pro-nationalsozialistische Anklänge. Als Ivar Lissner Anfang 1937 nach Berlin zurückkehrt, wird Robert Lissner von der Gestapo verhaftet. Die brutalen Verhörmethoden erzwingen zunächst ein Geständnis. Wie durch ein Wunder gelingt es jedoch Robert Lissner, die bereits gemachte Einlassung Jude zu sein, als erpresst anzufechten. Gesundheitlich angeschlagen, wird er aus der Haft entlassen. Robert Lissners Freundschaft zu einflussreichen, konservativen Regimegegnern erweist sich in dieser Situation als Rettung. Man empfiehlt den jungen Ivar Lissner dem deutschen Auslandsgeheimdienst „Abwehr“. Getarnt als Korrespondent für den „Angriff“ reist er Anfang 1938 nach Ostasien

Ivar Lissner bereist, getarnt als Journalist, Ostasien. Robert Lissner schmiedet mit seinen Freunden vom Widerstand Attentatspläne. Percy Lissner lebt in Shanghai und sondiert die Lage. Da fliegt der gefälschte Ariernachweis im September 1939 endgültig auf. Robert Lissner wird erneut verhaftet, Percy Lissner umgehend aus der Partei ausgeschlossen, Ivar Lissner jede weitere Publikation verboten. Doch die Widerstandsgruppe in der Abwehr hält Wort. Der Heeresrichter Karl Sack und Hans von Dohnanyi erwirken nach dreiwöchiger Haft die Freilassung Robert Lissners. Ivar Lissners Mutter Charlotte lässt in den kommenden Monaten die gesamte Wohnungseinrichtung versteigern. Mitte 1940 können dann sowohl Charlotte als auch Robert Lissner nach Shanghai ausreisen. Ivar Lissners Schwester bleibt trotz Zusage der Abwehr in Berlin zurück.

Anfang 1941: Ivar Lissners Eltern sind mit Hilfe der Abwehr nach Shanghai geflohen. Seine Schwester Sigrid steht kurz vor ihrer Ausreise aus Deutschland. Da taucht am 2. April 1941 ein alter Berliner Bekannter in Tokio auf: Josef Meisinger, der „Schlächter von Warschau“, und nun Polizeiattaché an der deutschen Botschaft in Tokio. Robert Lissner hatte im Fritsch-Prozess Meisingers Wirken aus nächster Nähe verfolgen können. Zusammen mit einer aus konservativen NS-Gegnern bestehenden Widerstandsgruppe hatte der Kommerzienrat sogar Ende der 30er Jahre einen Attentatsversuch mitorganisiert und selbst das Geld für die beteiligten Ingenieure überbracht. Nun betrat also Josef Meisinger die ostasiatische Bühne mit dem festen Willen, auch hier, wie zuvor in Warschau, die „Judenfrage“ endgültig zu klären. Dass Meisingers erste Reisen nach Shanghai führten, wo Ivar Lissners Eltern – Robert Lissner wurde dort als „Volljude“ geführt – und sein Bruder Schutz gefunden hatten, dass Sigrid Lissner nur knapp einen Monat nach Erscheinen Meisingers in Baden Baden von der Gestapo ermordet wurde: Diese Ereignisse müssen auf Ivar Lissner wie ein Katalysator gewirkt haben. Ein Zeitzeuge erinnert sich, wie aufgewühlt er ihn im Mai 1941 vorfand und wie er davon sprach, dass man nun noch viel mehr Widerstand leisten müsse. Umgehend forderte Lissner bei der Abwehr die volle Gleichstellung seiner Familie mit arischen Deutschen. Sein Führungsoffizier, Hauptmann Busch, beeilte sich nach dem Fiasko mit Sigrid Lissner, Ivar Lissner zu versichern, dass er sich umgehend um dessen persönliche Angelegenheit kümmern werde. Es dauerte nicht lange, da gratulierte er ihm zur „uneingeschränkten“ Entscheidung des Führers zu seinen Gunsten. Zeitnah informierte Ivar Lissner seine Eltern und seinen Bruder in Shanghai. Die Intrigen des deutschen Botschafters in Tokio, Eugen Ott, der nun in Josef Meisinger einen weiteren Verbündeten gefunden hatte, wirkten jedoch in der Zwischenzeit immer weiter in die Mandschurei hinein. Sein Versuch, Lissner nach Bekanntwerden seiner jüdischen Herkunft ausbürgern zu lassen, war gescheitert. Doch dank Ott machte nun auch in Harbin die jüdische Herkunft Lissners die Runde. Dem Abwehr-Mann Fütterer, dem dortigen deutschen Konsul Ponschab und den örtlichen Parteigrößen erschien es ungeheuerlich, dass ein Jude nicht nur frei herumlief, sondern auch noch bevorzugte Behandlung bei öffentlichen Anlässen forderte und zugleich von höchsten Stellen in Berlin protegiert wurde. Der einzige Verbündete Ivar Lissners in der Mandschurei war der Gesandte in Hsinking, Wilhelm Wagner. Ihm gelang es zunächst, die Angriffe der NS-Diplomaten aus Tokio und Harbin und der örtlichen Parteigrößen abzuwehren. Als Josef Meisinger Anfang 1942 den in Harbin ansässigen Adalbert E. Schulze mit der Überwachung Lissners beauftragte, die dieser durch einen russischen Emigranten durchführen ließ, wurde Ivar Lissner immer stärker gefährdet. Es muss ihn wie ein Schlag getroffen haben, als ihn Hans von Dohnanyi, der bereits die Freilassung Robert Lissners aus der Gestapohaft organisiert hatte und für dessen Widerstandskreis Ivar Lissner seit Jahren Material sammelte, per Brief über die tatsächlichen Gegebenheiten informierte: Sein offizieller Führungsoffizier in Berlin, Friedrich Busch, hatte ihn – wahrscheinlich aus Motivationsgründen – betrogen. Mitnichten hatte die Abwehr eine Gleichstellung seiner ganzen Familie erreicht, wie Busch ihn in seinem Telegramm hatte glauben machen wollen. In Wahrheit war nur er selbst in gewissem Maße „gleichgestellt“ worden. Gegen seinen Vater Robert, so teilte ihm Hans von Dohnanyi mit, werde gleich nach Kriegsende mit der ganzen Strenge des Gesetzes vorgegangen. In dieser fast aussichtslosen Situation, umgeben von Feinden und wegen des geheimen Charakters von Dohnanyis Mitteilung unfähig, in Berlin offiziell Protest einzulegen, kam ihm sein Freund Werner Crome zur Hilfe. Im Jahr 1941 war Richard Sorge in Tokio von den Japanern wegen Spionage zu Gunsten der Sowjetunion verhaftet worden. Sorge hatte zu Botschafter Ott und dessen Familie seit Jahren eine freundschaftliche Beziehung unterhalten. Zunächst hatte Ott noch versucht, die Affäre als deutschfeindliche Intrige herunterzuspielen. Auch Meisinger hatte als Polizeiattaché versagt. Werner Crome nutze eiligst sämtliche Kontakte in Tokio, um Informationen über den Sorge-Fall zu erhalten. Die Ergebnisse übermittelte er an Ivar Lissner in die Mandschurei. Dieser ergriff sofort die Chance, um seine größten Widersacher und die für seine Familie in Shanghai gefährlichsten Gegner unschädlich zu machen. Im März 1942 ließ er die Sorge-Affäre durch ein direktes Telegramm an die Abwehr in Berlin auffliegen: Richard Sorge sei über den künftigen Kurs der Achsenpolitik ständig und vertraulich aus bestwissender deutscher Quelle – also Botschafter Ott ­– informiert worden. Er habe täglich morgens die deutsche Botschaft besucht. Infolgedessen seien massive Schäden für die deutsch-japanische Achse entstanden. Die Abwehr nutzte ihre Chance und verwendete das gelieferte Material, um den Reichsaußenminister Ribbentrop und den Reichsführer SS Heinrich Himmler maximal zu diskreditieren. Beide sollen nach späteren Aussagen Meisingers fast über die Affäre gestürzt sein. Doch nun schlug das Pendel mit voller Wucht zurück. Ribbentrop erließ wütend seitenlange Zensurvorschriften für zukünftige „politische“ Telegramme Lissners. Nie wieder sollte es diesem Lissner gelingen, solche Nachrichten über das Auswärtige Amt an die Abwehr weiterzuleiten. Die Maßnahmen griffen: Weitere Telegramme Lissners mit politischem Inhalt wurden zensiert und erst dann an die Abwehr weitergeleitet. Doch Ivar Lissner erfuhr von dieser Maßnahme. Weiteres Material lieferte er per Blockadebrecher, per U-Boot und auf anderem Wege an seine Mitstreiter vom Widerstand. Allerdings führten die langen Transportzeiten zu erheblichen Verzögerungen bei der Informationsweitergabe. Auch Meisinger und Ott, beide durch Lissners Meldungen schwer angeschlagen, schossen zurück. Man sammelte angebliche Vorwürfe zusammen und meldete diese nach Berlin. Gleichzeitig denunzierte man Lissner gegenüber den Japanern als sowjetischen Spion. Doch die Abwehr schritt massiv ein. Meisingers und Otts Telegramm-Attacke gegen Lissner wurde monatelang nicht einmal beantwortet. Die Abwehr erwirkte sogar, dass Meisinger direkt von seiner vorgesetzten Stelle in Berlin befohlen wurde, jegliche Beeinträchtigung von Lissners Arbeit zu unterlassen. Nun musste Meisinger schweigen. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, die Japaner gegen Lissner und alle anderen Juden im japanischen Machtbereich zu instrumentalisieren. Im Jahr 1942 war es Meisinger gelungen, seine Zusammenarbeit mit den Japanern deutlich auszubauen. Unter der Hand lieferte man ihm sogar geheimes Material zum Sorge-Fall. Im Gegenzug gab Meisinger Informationen über missliebige Deutsche an die Japaner. Immer wieder machte er gegenüber hohen japanischen Beamten deutlich, dass alle Anti-Nazis Anti-Japanern entsprächen. Anti-Nazis seien – so definierte Meisinger – in erster Linie deutsche Juden. Daraufhin wurde er vom japanischen Heimatministerium aufgefordert, eine Liste aller Anti-Nazis zu erstellen. Zusammen mit dem NS-Parteiapparat machte Meisinger sich sofort an die Arbeit. Die finale Liste enthielt drei Kategorien: 1. Alle Juden mit deutschem Pass, 2. Menschen mit politischen Anti-Nazi-Ansichten und Verbindungen zu verdächtigen Personen, 3. Personen deren politische Ansichten unbekannt waren, da für längere Zeit kein Kontakt zur deutschen Gemeinde bestand. Diese Liste übergab er gegen Ende des Jahres 1942 sowohl dem Heimatministerium als auch dem Hauptquartier der Kempeitai. So gelang es deutschen Stellen die Japaner zur Errichtung des jüdischen Ghettos in Shanghai zu bewegen. Dieses wurde, wie allgemein bekannt, nur wenig später am 18. Februar 1943 proklamiert. Es dauerte nicht lange, da erreichten auch Ivar Lissner und Werner Crome die Nachrichten aus Tokio. Wenige Wochen später, im Dezember 1942, erfuhr auch der Gesandte Wagner von den Tokioter Intrigen und veranlasste Lissner, umgehend alles bei ihm vorhandene Geheimmaterial zu vernichten. War es der Abwehr noch im Jahr 1942 gelungen, die Attacken gegen Lissner abzufangen, so änderte sich dies im April 1943. Lissners Verbündeter Hans von Dohnanyi wurde verhaftet, Hans Oster unter Hausarrest gestellt. Botschafter Eugen Ott war wegen der Sorge-Affäre inzwischen abberufen worden. Sein Nachfolger Heinrich Georg Stahmer hatte Meisinger nur wenig entgegenzusetzen. Nun holte Meisinger zum finalen Schlag gegen Lissner aus. Im Mai reiste er nach Harbin, wo er begeistert von allen Lissner-Feinden empfangen wurde. Sogleich wurden zu Meisingers Ehren mehrere Partys veranstaltet. Zurück in Tokio hatte er ein ganzes Bündel angeblicher Vorwürfe gegen Lissner geschnürt, das nun allerdings nicht wie zuvor (1942) unter seinem eigenen Namen, sondern gezeichnet von Botschafter Stahmer nach Berlin abging. So scheint sich Meisinger, der Befehl hatte an der Sache Lissner nicht weiter zu rühren, mehr Erfolg erhofft zu haben. Sein Plan ging auf. Die durch die Verhaftung von Dohnanyi und die Entlassung Osters geschwächte Abwehr war nicht mehr in der Position, das Telegramm rechtzeitig abzufangen. Das Auswärtige Amt leitete es direkt ins Führerhauptquartier weiter, wo Hitler persönlich verkündete, der Name Lissner wäre ihm völlig unbekannt. Als er die weiteren Vorwürfe überflog rief er aus: Solche Leute [wie Lissner] sollte man am besten gleich erschießen! Noch bevor der Gesandte Wagner oder Admiral Canaris wieder zu Gunsten Lissners eingreifen konnten, schaffte man in Tokio Tatsachen. Lissner wurde von der Kempeitai wegen Spionage für die Sowjetunion verhaftet. Bis zum Kriegsende blieb er in Gefangenschaft wo er schwer gefoltert wurde. Die einzige erfolgsversprechende Kraft gegen Josef Meisinger wurde so zum Schweigen gebracht.