Leseproben aus Büchern von Ivar Lissner

Leseprobe: Ivar Lissner "Die Sonne geht im Westen auf- Wir sind das Abendland"

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© www.ivar-lissner.eu, 2014

Wir sind das Abendland

 

«Keine andere Ideologie, kein <Ismus>, keine Tyrannei, keine Diktatur, keine heilbringende Versorgung, kein Bild dauert ewig an. Das lehrt die Geschichte, und das lehrt vor allem die Vorgeschichte, in deren Tiefe wir zur Stunde zu schauen beginnen. Es ist ein Zeichen völliger historischer Ahnungslosigkeit, irgendeine Staatsform, die für den freien Menschen nicht die Freiheit zu wahren versucht, für ewig und unabänderlich zu halten. Und es ist ein Zeichen mangelnder Bildung, den Menschen nur materiell helfen zu wollen, während sie so eigentümlich beschaffen sind, dass ihr größter Hunger, aber auch ihre größten Kräfte geistigen und seelischen Gebieten zugewendet sind.» Ivar Lissner, Aber Gott war da

Nichts ist gefährlicher als Hochmut anderen Völkern gegenüber. Denn er führt zur Blindheit. Er zerbricht Spiegel, in denen man sich selbst erkennt. Er übertüncht die großen und schweren Rätsel dieser Erde. Er geht zu Pferde aus und kehrt zu Fuß heim. Jahrzehntelanger Aufenthalt in Asien und anderen Kontinenten brachte mich auf den Gedanken, dieses Buch zu schreiben, ein Buch über die abendländische Kultur.

Denn es gibt noch eine andere Gefahr. Es ist die Gefahr, in der wir leben, wir, das Abendland, die Gefahr der Blindheit gegen uns selbst. Es ist die Sünde, sich selbst nicht zu kennen und nicht zu erkennen, die Sünde, das Werden des Lebensstils, dem wir verhaftet sind, aus Denkfaulheit und Nachlässigkeit zu verkennen und damit zu verraten, die Sünde wider die Vergangenheit des Abendlandes, die Sünde wider seine Zukunft.

Die abendländische Kultur ist die unbekannteste der Erde, und Europa ist ein unbekannter Kontinent. Gottfried Keller, Zürichs großer Sohn, hat gesagt, wer in einem Fackelzug ginge, könne das bewegte flackernde Ganze nie erfassen, aber von einem Hügel, aus der Entfernung, da sehe man das Bild. Wir alle sind Wanderer mitten im strahlenreichen Fackelzug des Abendlandes.

Es hat nie eine Zeit gegeben, die besser gerüstet war, die Vergangenheit zu erkennen, als die unsere. Darum ist Geschichte wie Kulturgeschichte heute so unendlich viel interessanter geworden als noch vor hundert Jahren. Ich habe jetzt oft das Gefühl, dass die vergangenen Epochen unter den Schaufeln der Archäologen immer gerade zur rechten Zeit aus dem Grabe steigen. Und weil die Schatten der Vergangenheit, dieser gewaltige Zug von Milliarden und aber Milliarden von Menschen, so lebendig werden, beginnt das zwanzigste Jahrhundert etwas besser als frühere Jahrhunderte zu erkennen, wo es steht und was es eigentlich ist. Aber es ist auch nichts zarter als die Vergangenheit, und man muss sie mit Vorsicht berühren. Man darf sie auch vor Gericht ziehen, aber man darf nicht jede Vergangenheit verurteilen, wie Nietzsche es fordert, weil immer die menschliche Gewalt und Schwäche mächtig waren. Er würde mit diesem Bade ja ebenfalls ausgeschüttet werden.

Nun ist das Interesse an den großen Kulturen, die längst untergegangen sind, so stark geworden, dass man die Nachkommen dieser einstigen Kulturträger mit denen verwechselt, deren Gebeine unter meterhohen Trümmern und Ruinen begraben sind. Das hat dazu geführt, dass wir etwa im heutigen China unbewusst noch etwas von der grandiosen Kultur der einstigen Tang-Zeit vermuten, in der Li T'ai-po und Tu Fu dichteten und Wu Tao-tse seine buddhistischen Fresken, Figuren und Landschaften malte. Wir sind versucht, in den Ägyptern viel zu viel ihrer einst betörenden Kunst zu sehen, etwa der Amarna-Zeit und der hinreißenden Wand- und Fußbodenmalereien Amenophis' IV. oder der Skulptur seiner Gattin, der berühmten Nofretete. Wir leben in der Vorstellung, die Menschen des heutigen Iraks und Syriens müssten noch etwas vom Kunstsinn der einstigen Sumerer, Assyrer und Babylonier besitzen.

Es gibt aber nur einen Kontinent, nur eine Kultur, nur einen Lebensstil, die wir unterschätzen, das ist Europa, und das ist das Abendland. Was das Abendland bedeutet, was sich hier als Kulturepochen aufbaute und wie unendlich reich das Abendland heute ist, jetzt, zur Stunde, das beginnt man vielleicht zu ahnen, wenn man jahrzehntelang die Welt durchwandert.

Die Weltgeschichte kennt kein anderes Beispiel dafür, dass eine Kultur derart den ganzen Planeten erfasste und dass sich ihre Wirkung so dauerhaft festigte wie die abendländische. Noch nie war der Okzident so geschichtsmächtig wie heute. Von den großen, alten außereuropäischen Kulturen wird jedes und alles aus dem Abendland übernommen. Sie selbst, diese einst bewundernswerten geistigen Kraftfelder, können ihre Räume nicht mehr schöpferisch erfüllen. Es ist nichts, aber auch gar nichts mehr da.

Die Welt- und Menschheitsgeschichte hat noch gar nicht begonnen. Sie kann erst beginnen, wenn der letzte Ort der Erde von der abendländischen Kultur erfasst worden ist. Das erkannte schon Dostojewskij: «Die Idee der universalen Einigung der Menschen ist die Idee der Menschheit Europas, ihr verdankt sie ihre Zivilisation, für sie allein lebt sie.» Der Weg zu einer Weltregierung und endlichem Frieden führt nicht über immer mehr Wissen, sondern über globale Bildung, und sie kann nur aus dem Abendland kommen, das eine fast unübersehbare Zahl echter Genies beherbergt. Arroganz? Ich glaube, nicht: Die Kette aus Kafka, Joyce, Strindberg, Freud, Sartre, Faulkner, O'Neill, Beckett, Ionesco und weiter und weiter ist unvergleichlich. Zwei Erdteile wurden von den Angelsachsen europäisiert, Nordamerika und Australien. Mittel- und Südamerika wurden von den Spaniern und Portugiesen kulturell abendländisch beeinflusst, aber der Prozess blieb hier in seinen ersten Anfängen stecken und geht nun langsam nach gesamtabendländischem Vorbild weiter. Westliche Lebensformen drangen über das europäische Russland bis an die pazifische Küste. Aber die Riesenräume bleiben unerfüllt. Die abendländische Kultur ist die Kultur aller europäischen Völker sowie Nordamerikas. Das ist eine Kulturgemeinschaft, die sich klar von allen anderen Kulturen abhebt. Auch nimmt Europa einen einzigartigen Platz in der Weltgeschichte ein, denn durch den unternehmenden Geist der Abendländer, durch die europäischen Entdeckungen, wurden alle Teile der Welt miteinander verbunden. Das Abendland ist ein geistiges Kind des nahen Orients, Ägyptens, der griechischen Kultur wie des römischen staatspolitischen Genies. Es hat die ganze Welt an Gedankenreichtum, an Erfinderkraft, an Vorausahnen, an Religionstiefe und an Kunstschaffen in einer Weise überflügelt, die Kontinente wie Asien, Afrika oder zum Teil auch Südamerika als erschreckende geistige Wüsten erscheinen lassen. Mit der Zerstörung durch Kriege, mit der Zerbröckelung im Mahlstein «Zeit», mit dem Verwehen im Winde der großartigen Baudenkmäler und Kunstschätze sind weder Athen noch Rom untergegangen. Die griechisch-römische Welt überlebte in der westlichen Kultur. Der sensationelle Erfolg der These Oswald Spenglers vom «Untergang des Abendlandes» beruhte auf der Herausforderung, die gerade in der Verkehrtheit der Behauptung liegt. So mag auch die gegenteilige Ansicht von der Lethargie aller gegenwärtigen Kulturen mit Ausnahme der westlichen vorerst als ungewöhnlich und europazentrisch erscheinen. Das liegt aber nicht an der Verkehrtheit der Behauptung, sondern es liegt an der romantischen Sucht der Europäer, das Licht in der Ferne zu suchen, von der Weisheit Asiens zu träumen, mit dem Aufbruch der Riesenmassen Chinas zu drohen, Fantasiebilder eines alles überwältigenden Sibiriens zu entwerfen, überhaupt das Phantom des «dritten Auges» zu beschwören oder an den letzten Tiefen der unbegreifbaren indischen Seele zu kratzen, aus der ein Heiliger herausspringt, vorausgesetzt, dass er seine stoische Ruhe aufgibt und sich vom Nagelbrett erhebt.

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Die westliche Kultur hat unverstanden, aber wie eine anbetungswürdige Krankheit die ganze Welt ergriffen. Junge Japaner spielen Bach und Mozart, kennen viele Motive schubertscher Lieder und sind fähig, ein paar Töne jeder Beethoven-Symphonie anzuschlagen. In China wird europäische Literatur gelesen, eine moderne chinesische gibt es nicht. Kein Theaterstück kommt aus dem chinesischen Raum, kein großer Roman, keine Oper, wohlgemerkt auch keine Oper alten chinesischen Stils. Fast alle Intendanten des abendländischen Theaters sind überzeugte Liberalisten und treten grundsätzlich für Gestaltung in freiheitlichem Geist ein, manche halten sich für aufgeklärte Marxisten, und manche sind Anhänger eines «besseren Kommunismus». Gäbe es daher ein einziges russisches Theaterstück, das überragend wäre, so würden alle westlichen Theater es gierig aufsaugen wie Wasser in der Wüste. Unter den sowjetrussischen Romanschriftstellern ragt einzig Michail Scholochow heraus, aber auch nur mit seinem «Stillen Don», den er 1928 schrieb. Die größte Leistung Pasternaks bleiben seine Shakespeare-, Faust- und Rilke-Übersetzungen, während der in Russland nie erschienene «Doktor Schiwago» nicht ganz zu Unrecht vom «Nowui Mir» auch wegen seiner Zähigkeit verworfen wurde. Majakowskij wusste die derbe Sprache des Proletariats mit echt poetischem Feingefühl und hinreißenden Rhythmen zu verbinden, nahm sich aber 1930 das Leben, Anna Achmatowa wählte das Schweigen, Valerij Tarsis wurde von der Sowjetunion die Staatsbürgerschaft entzogen, nachdem er auswanderte, und Andrej Sinjawskij wie Juri Daniel wurden 1966 verurteilt und in die Zwangsarbeit verbannt. Kein Puschkin, kein Gogol, kein Turgenjew, kein Tolstoj, kein Dostojewskij wird heute noch den Russen geboren. Daher weiß auch kein Dichter im sowjetrussischen Raum, was in Zukunft in diesem Land geschehen wird, denn bekanntlich ist es nur genialen Auguren gegeben, den «Willen der Götter» zu erforschen. Dostojewskij erahnte das Kommende und sagte in seinen «Dämonen» im Jahre 1870 den heutigen helotischen Zustand des einst Ikonen verehrenden Riesenreiches voraus. In Afrika kann man nur noch schlechte Nachahmungen der früher grandiosen Benin-Kultur kaufen. Selbst die Kunst der sogenannten primitiven Völker ist erlahmt. In der Südsee träumen die Zylinderhutfiguren der Osterinsel von ihrer unbegreiflichen Vergangenheit. Die Ansätze eines neuen Romans, die Theaterstücke Südamerikas kann man an den Fingern abzählen.

Demgegenüber ist die Ahnungslosigkeit der Menschen des Abendlandes über den Tiefgang und den Schichtenreichtum ihrer eigenen heutigen Kultur im schöpferischen All bestürzend. Diese Blindheit ist nicht ungefährlich, denn das Abendland sind wir. Die moralische Macht ist bedauerlicherweise kein Ersatz für bewaffnete Macht. Aber sie ist eine sehr bedeutsame Verstärkung. Das ist nicht meine Weisheit, sondern die Churchills.

Auch Coudenhove-Kalergi hat immer wieder gewarnt: «Jeder Europäer ist ein Schlachtfeld von Leidenschaften, von Willensrichtungen, von Charakteren. In jedem Europäer morden und vergewaltigen seine Vorfahren einander.» Das zeigt die unerhörte Vielfalt unserer Welt und das Ringen um das Abendland in jedem Europäer. Ich sehe vor allem eine Gefahr in den westlichen Schulen. Die Schüler sollen «selbstständig denken», sie sollen «eigene Gedanken» haben. Man kann aber nur eigene Gedanken haben, wenn man weiß, was andere, und zwar die Größten der Menschheit, gedacht haben. Was der Jugend also fehlt, ist Wissen, und zwar das Wissen vom Werden des Abendlandes, die Kenntnis der Dinge, Begebenheiten und Genies, die das Wunder der abendländischen Kultur hervorbrachten. Die Schulen sollten daher weniger reine Wissenschaft und mehr Bildung vermitteln. Der himmelhohe Turm Abendland, an dem so viele Völker gebaut haben - das ist der Inhalt dieses Buches. Es ist natürlich nur ein Versuch, wie ja auch der Turm ein babylonischer, unvollendeter bleiben muss. Aber keine andere Weltkultur übertrifft heute das künstlerische und philosophische Schauen des Okzidents und seinen geistigen Reichtum. Auch das will ich zeigen.

Ein Blick auf die Wechselbeziehungen zwischen Russland und Europa ist interessant. Die «Slawophilen» waren einst erfüllt vom Gedanken der Feindschaft, nicht gegen die europäische «Kultur», sondern gegen die europäische «Zivilisation». Nun wissen wir längst, dass es einen Unterschied von Kultur und Zivilisation gar nicht gibt. Ich habe das genügsam in meinen Büchern erläutert, aber vielleicht sollte man doch noch einen der vielen zitieren, die diese Unterscheidung widerlegen. Es ist Albert Schweitzer: «Zivilisation bedeutet, seinem herkömmlichen Gebrauch nach, dasselbe wie Kultur, nämlich Entwicklung der Menschen zu höherer Organisation und höherer Gesittung. In manchen Sprachen wird der eine, in anderen der andere Ausdruck bevorzugt. Der Deutsche spricht gewöhnlich von <Kultur>, der Franzose gewöhnlich von <Zivilisation>. Aber die Aufstellung eines Unterschiedes der Bedeutung zwischen beiden ist weder sprachlich noch historisch gerechtfertigt.» Es war Spenglers großes Thema, die «Zivilisation» als Verhängnis jeglicher «Kultur» anzusehen. Aber die Sense, der Pflug, die Architektur, die Malerei, die Literatur wie die Musik, der Stuhl, der Tisch, das Bett jeder Kunstepoche, das Steinwerkzeug des Paläolithikums, das Wunderwerk einer Weltraumkapsel, die Moral jeder Zeit wie die Religionen, sie alle gehören einem großen Komplex an, den man immer nur mit einem Wort bezeichnen kann, sei es nun «Kultur» oder «Zivilisation».

Die Slawophilen meinten nun, die böse westliche Technik stehe der großen slawischen Seele entgegen. Aber es kam ganz anders. Nicht der Westen «faulte», nicht die große europäische Kultur «starb ab», nicht sie wurde «seelenlos» und «gottlos», nicht in Russland hob sich eine Kultur auf religiöser Grundlage in den Himmel, nicht dort entstand das gewaltige Mosaik einer neuen Geistigkeit, sondern der Kampf des Ostens mit dem Westen, des angeblichen «Geistes im Osten» mit dem angeblichen «Ungeist der religionslosen Zivilisation» wurde vom Westen gewonnen. Das alte Europa ist seiner Vergangenheit keineswegs untreu geworden. Auch der Existenzialismus wie das Absurde Theater bauen sich logisch auf abendländischem Denken auf. Ein Grundzug der europäischen Kultur ist die Idee freier Wissenschaft und auf ihr begründeter naturbeherrschender Technik. Ein anderer ist ihre Weltoffenheit. Das Abendland hat sich trotz des Limes nie gegen fremde Einflüsse abgeschlossen. Es hat sich nie mit einer chinesischen Mauer umgeben noch das Betreten seiner Heiligtümer verboten. Der Eiserne Vorhang ist keine abendländische Erfindung. Europa hat sich wie kein anderer Kontinent der Erde mit allen Philosophien auseinandergesetzt. Das Abendland besaß und besitzt die große Fähigkeit, sich von außen Herangebrachtes anzueignen, und die verblüffende Reihe der Rezeptionen und Renaissancen lebt weiter. Dass die Hinneigung des Menschen des Westens zu den vergangenen Kulturepochen einer Romantisierung exotischer Kulturen gewichen ist, einem Suchen des Steins der Weisen irgendwo im Osten, stimmt nur zum Teil. Und vor allem ist ja der Stein der Weisen weder in der Südsee noch in Osteuropa zu finden. Ich vergaß den genialen Brecht. Er wird mit Shakespeare verglichen. Er schrieb mir noch vor seinem Tode, dass er für den ganzen Osten von Berlin bis Wladiwostok herhalten müsse und an dieser Last schwer zu tragen habe. Einst leuchtete das Licht aus dem Osten. Die Grundpfeiler der europäischen Kultur, Sumer, Assur, Babylon, die seefahrenden Phönizier, überhaupt alle schöpferisch so hochbegabten Semiten und unter ihnen wieder besonders die Israeliten, Ägypten, Griechenland und Rom - sie sind als Mutterkulturen soweit am Leben geblieben, als sie sich in die weitere Entwicklung des Abendlandes einordnen konnten. Nur im Abendland hat das Feuer, das einst aus dem Orient kam, seinen dauernden Herd gefunden. Nun geht die Sonne im Westen auf.